Epilog

Harmonika International 1/2014

 

„Jürgen Löchter: Der Altmeister des professionellen Akkordeons feiert seinen 75. Geburtstag“

 

Seit 55 Jahren Interpret zeitgenössischer Musik, Profimusiker, Komponist und Wertungsrichter

 

Jürgen Löchter

 

Der Schöpfer meinte es gut mit Jürgen Löchter. Beim letzten Bombenangriff auf Witten wurde er verschüttet und dann wie durch ein Wunder, unverletzt, frei geschaufelt. Die Dankbarkeit darüber zieht wie ein Silberstreif durch sein voller Kreativität gespicktes Leben. Das hat ihn mitgeprägt. Und dann die Musik. Mit sechs Jahren bekam er ein kleines Akkordeon geschenkt. Seine besondere Liebe für den damaligen Außenseiter Akkordeon konnte beginnen.

 

Von unvergleichlichem Enthusiasmus getrieben, gehört Jürgen Löchter zu den Menschen, deren Werke in ganz besonderer Weise prägend sind. Sein Charisma ist schon jetzt Legende. Mit ein paar Sätzen lässt sich das nicht beschreiben. Sein Werkverzeichnis sprudelt über: 16 Hauptwerke, 24 Kammermusik-Titel, an die 40 Akkordeon-Solo-Werke für Manual II und Manual III, Solo-Bandausgaben, Duo-Titel der verschiedensten Kategorien, nicht zu vergessen seine Werke für Akkordeon-Orchester, dann auch für Klavier, Zupforchester, gemischten Chor, Solo-Gesang und Akkordeon, Saxophon-Solo und Violine. Ein schier unerschöpfliches Schaffen, das keine Einbahnstraße kennt und auch keine vorübergehenden Trends und Tendenzen charakterisiert aber oft für das Akkordeon weit voraus denkt.

 

Stichwort Triptychon, das Avantgarde-Werk für Akkordeon-Solo, dessen Inhalt ganz und gar zeitlos erscheinen mag. Jürgen Löchter als Interpret, Komponist und Profi der Extraklasse war und ist kein Überflieger, sondern eher Grenzgänger zwischen Gegenwart und Moderne.

 

Antrieb, das Machbare noch zu steigern, ist Begleiter, ist erreichtes Ziel eines ungewöhnlichen Menschen, dessen Fundament in den 50er Jahren während seiner Ausbildung am Trossinger Konservatorium in nur zwei Jahren als staatlich geprüfter Musiklehrer und schon ein Jahr später mit der künstlerischen Reifeprüfung entstand. Ein Anwalt des anspruchsvollen Akkordeons der Trossinger Schule unter der damaligen Leitung von Prof. Hugo Herrmann. Den Preis, der den Namen Hugo Herrmann trägt, bekam er als junger Solist und Preisträger des Deutschen Akkordeon-Solisten-Wettbewerbs 1964.

 

Viele Erfolge, viele Auszeichnungen

 

Viele Erfolge reihen sich auf, national wie international. Bemerkenswert in den 60er und 70er Jahren seine Bemühungen, durch Referate und Vorspielprogramme an deutschen Musikhochschulen das Akkordeon zu integrieren. Die Öffnung der Akkordeonwelt war sein erfolgreiches Anliegen. So hat er die Auseinandersetzung mit Instrument und anders Denkenden immer als konstruktives Merkmal gesehen und überzeugt. Das blieb nicht verborgen. Als Gewinner und Preisträger, die zahlreichen Verbandsauszeichnungen (Rudolf-Würthner-Medaille 1984, Volksmusikmedaille 1987), die Hugo-Herr­mann-Medaille, das Bundesverdienstkreuz, der Kompositionspreis, die Ehrung von Witten für die hervorragenden Verdienste um die Stadt, die Frédéric-Chopin-Medaille, verliehen von der polnischen Regierung erstmals an einen Deutschen und bis heute einzigen Akkordeon-Solisten weltweit.

 

Fels in der Akkordeonwelt

 

Jürgen Löchter ist kein auf Karriere bedachter Mensch. Er wollte immer auf dem Boden bleiben. Umso mehr hat ihn die Karriere erfasst, als einen Menschen geprägt, der nicht nur Vorbild, sondern Leuchtturm für das Akkordeon und seinen heutigen Stellenwert darstellt. Und das auch oder gerade in seinem dritten Lebensabschnitt, der durch unbändige Erfahrungswerte gezeichnet ist und ihn zu einem Fels in der Akkordeonwelt und weit darüber hinaus macht. Unverrückbar und zeitlos.

 

Anlass genug, um ihm, der Koryphäe des professionellen Akkordeons, geboren am 18. Februar 1939 zu seinem 75. Geburtstag herzlich zu gratulieren. Als Familien-Mensch wird er im engsten Kreis feiern. Die Dankbarkeit steht dabei sicher im Vordergrund. Dankbar­keit für das Erreichte und Dankbarkeit für die Anerkennung seiner ausnehmend großen Lebensleistung. Jürgen Löchter wurde zu einem Ausnahmemenschen. Für das Akkordeon. Und für den Deutschen Harmonika-Verband. Jürgen Löchter war Professor an der Musikhochschule Köln, Direktor der Musikschule Witten, Gründer und Leiter des Kammer-Orchesters Witten, begründete das Landesjugend-Akkordeonorchester Nordrhein-Westfalen, ist Präsident der European Accordion Federation. Und wenn wir noch einmal kurz zurück blicken, sorgte Jürgen Löchter vor langer, langer Zeit für eine Überraschung: Beim WDR-Nachwuchswettbewerb für Instrumen­talisten wurde er mit seinem Akkordeon 1. Preisträger. Er ist und bleibt es bis heute.

 

Arnold Kutzli

 

Ehrenpräsident des Deutschen Harmonika-Verbandes (DHV)